Mehr Wissen. Mehr Vorsorge. Mehr Gesundheit.
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Frau Dr. Neuhann, Prävention ist in der Medizin ein großes Thema. Welche Rolle spielt dabei die Präventionsgenetik?

Präventionsgenetik eröffnet die Möglichkeit, genetisch bedingte Krankheitsrisiken zu erkennen, bevor erste Symptome auftreten. Sie hilft uns zu verstehen, ob ein Mensch aufgrund seiner genetischen Veranlagung ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen in sich trägt. Dieses Wissen dient nicht ausschließlich dazu, Krankheiten vorherzusagen, sondern Vorsorge und Prävention individueller und zielgerichteter zu gestalten. Ein wichtiger Schritt von einer reaktiven Medizin hin zu einer individualisierten Vorsorgemedizin.

Welchen konkreten Nutzen hat dieses Wissen für den Einzelnen?

Der größte Vorteil besteht darin, dass Menschen ihre Gesundheit aktiv mitgestalten können. Wer sein persönliches genetisches Risikoprofil kennt, kann gemeinsam mit seinen behandelnden Ärztinnen und Ärzten entscheiden, welche Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind, in welchen Abständen sie erfolgen sollten und welche präventiven Maßnahmen den größten Nutzen versprechen. Das kann bedeuten, bestimmte Früherkennungsprogramme früher oder häufiger wahrzunehmen, Risikofaktoren konsequenter zu reduzieren oder, wenn medizinisch angezeigt, vorbeugende Therapien einzuleiten.

Arztgespräch, bei dem die Ärztin Daten auf dem Laptop zeigt.
Humangenetische Sprechstunde am MGZ - Medizinisch Genetisches Zentrum
Bildquelle: MGZ - Medizinisch Genetisches Zentrum


Für welche Erkrankungen kann die Präventionsgenetik heute bereits eingesetzt werden?

Besonders etabliert ist sie bei erblich bedingten Krebserkrankungen. Veränderungen in Genen wie BRCA1 oder BRCA2 können beispielsweise das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs deutlich erhöhen. Auch beim erblichen Darmkrebs, etwa dem Lynch-Syndrom, ermöglicht die genetische Diagnostik eine frühzeitige und engmaschige Vorsorge, wodurch bösartige Tumore häufig verhindert oder in einem sehr frühen Stadium entdeckt werden können.

Auch für häufige Volkskrankheiten, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, entwickelt sich die Präventionsgenetik stetig weiter. Mithilfe sogenannter polygener Risikoscores (PRS) kann heute das genetische Risiko differenzierter eingeschätzt werden. Diese liefern keine eindeutigen Diagnosen, sondern Wahrscheinlichkeiten und können somit helfen, Präventionsmaßnahmen individueller auszurichten.

Nicht jede genetische Veränderung führt zwangsläufig zu einer Erkrankung. Wie erklären Sie diesen Zusammenhang Ihren Patientinnen und Patienten?

Zu jeder seriösen präventiven genetischen Diagnostik gehört eine qualifizierte fachärztliche und humangenetische Begleitung. Entscheidend ist, genetische Informationen korrekt einzuordnen: Ein erhöhtes genetisches Risiko bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich eine Erkrankung manifestiert. Im Zusammenspiel mit u. a. Lebensstil, Umweltfaktoren, Vorerkrankungen und der Familienanamnese entsteht ein realistisches Bild. Richtig eingeordnet, eröffnen genetische Informationen somit konkrete und individuelle Handlungsmöglichkeiten.

Was bedeutet Präventionsgenetik für die Medizin der Zukunft?

Ich bin überzeugt, dass die Präventionsgenetik zu einem selbstverständlichen Bestandteil der modernen Präzisionsmedizin werden wird. Unser Ziel ist es, Erkrankungen deutlich früher zu erkennen und im besten Fall sogar vollständig zu verhindern. Somit wird eine Form der Prävention ermöglicht, die sich am individuellen Risiko orientiert, anstatt alle Menschen gleich zu behandeln. Das verbessert die Chancen des Einzelnen auf ein langes gesundes Leben und kann gleichzeitig dazu beitragen, unser Gesundheitssystem nachhaltiger zu gestalten.

Präventionsgenetik bedeutet somit für mich vor allem eines: Menschen mit wissenschaftlich fundiertem Wissen in die Lage zu versetzen, ihre Gesundheit aktiv zu schützen.

Erschienen August 2026 in Unsere Gesundheit

MGZ - Medizinisch Genetisches Zentrum
Bayerstraße 3 - 5
80335 München